Steckbrief – Blindschleiche (Anguis fragilis):


Keine Schlange und auch nicht blind! Die Blindschleiche, Lurch/Reptil des Jahres 2017
Die Blindschleiche wird oft durch ihr Aussehen und ihren irreführenden Namen völlig falsch eingeordnet. Aufgrund ihres langgezogenen Körpers wird die Blindschleiche häufig für eine kleine Schlange gehalten, jedoch gehört sie zur Familie der „Schleichen“ innerhalb der Klasse der Reptilien. Außerdem ist sie keineswegs blind, ihre gelbroten Augen sind sehtüchtig so wie bei allen Echsen, im Gegensatz zu den Schlangen hat sie auch ein Augenlid und kann die Augen damit schließen. Der deutsche Name ist aber auf das althochdeutsche „Plintslicho“ zurückzuführen, das „blendender Schleicher“ bedeutet und sich auf die blei- oder bronzeglänzende Haut des Tieres bezieht. Der wissenschaftliche Name fragilis (lat. zerbrechlich) rührt daher, dass die Tiere bei Ergreifen relativ schnell einen Großteil ihres Schwanzes abwerfen. In Brehms Tierleben wird diese Abwehrreaktion sehr dramatisch beschrieben: „…und entgeht den meisten Feinden gewöhnlich bloß dadurch, daß sie, ergriffen, sich heftig, ja unbändig bewegt und dabei meist ein Stück ihres Schwanzes abbricht. Während nun das abgebrochene Stück«, sagt Lenz, »noch voll Leben herumtanzt und von dem Feinde ergriffen wird, findet sie Gelegenheit, sich aus dem Staube zu machen. Dies kann man leicht beobachten, wenn man verschiedene Tiere mit Blindschleichen füttert.«“. Blindschleichen werden bis max. 50 cm lang. Durch ihre graue bis braune – bei Jungtieren oft sogar silbrige bis goldfarbene – Färbung ist die Art am Waldboden perfekt getarnt. Jungtiere weisen zudem einen dunklen Aalstrich vom Kopf bis zum Schwanzende auf. Die Blindschleiche ist im größten Teil Europas und Vorderasiens zu finden. Ihr Areal deckt sich fast vollständig mit jenem der sommergrünen Laub- und Mischwälder der gemäßigten Zone. Sie besiedelt Lebensräume vom Tiefland bis ins Hochgebirge oberhalb der Baumgrenze (in Österreich bis max. 2.400 m). Lange Zeit dachte man, alle Blindschleichen Europas gehören ein und derselben Art an, jedoch gibt es neben der heimischen „Westlichen Blindschleiche“ (Anguis fragilis) noch weitere vier Blindschleichen-Arten.
Wetterzeiger und Gartennützling
Aktiv sind Blindschleichen vor allem in den Morgen- und Abendstunden, bei feuchtmilder Witterung, etwa vor Sommergewittern oder bei warmem Nieselregen, sind sie auch in der übrigen Tageszeit außerhalb ihrer Verstecke anzutreffen. Durch diese Beobachtungen wurde die Blindschleiche auch bereits in Brehms Tierleben als Wetterzeiger genannt, „…daß ihr Erscheinen unmittelbar vor oder während eines Witterungswechsels mit dem gleichzeitigen Höhengang der Regenwürmer, ihrer Lieblingsnahrung, im Zusammenhange stehen möge.“ Neben den genannten Regenwürmern sind vor allem die Nacktschnecken ihre Hauptnahrung, daher kann man die Blindschleichen mit gutem Recht als wertvolle Gartennützlinge bezeichnen. Darüber hinaus gehören noch Raupen, Asseln und Heuschrecken sowie Käfer, Blattläuse, Zikaden, Ameisen und Spinnen zu ihrer Beute. Die hauptsächlichen Fressfeinde der Blindschleiche sind Fuchs, Marderartige, Wildschweine und Ratten. In Siedlungsnähe sind neben Katze, Hund und Hühnern vor allem auch der Einsatz von Pestiziden, wie zum Beispiel Schneckenkorn, eine zusätzliche Gefahr für die Nacktschneckenvertilger.
Den Herbst und Winter (in Österreich: Oktober bis März/April) verbringen diese Reptilien in Kältestarre bzw. Ruhe in möglichst frostsicheren Verstecken. Häufig bohren sie sich auch selbst unterirdische Gänge von 15 bis zu 100 cm Länge und verschließen die Öffnung mit Moos oder Erde. Regelmäßig findet die Überwinterung in Gruppen von 5 bis 30, ausnahmsweise auch über 100 Individuen statt.
Dem Schlusssatz aus Brehms Tierleben „Noch heutigentags gilt die Blindschleiche in den Augen der ungebildeten Menschen als ein höchst giftiges Tier und wird deshalb rücksichtslos verfolgt und unbarmherzig totgeschlagen, wo immer sie sich sehen läßt, während man sie im Gegenteil schonen, insbesondere in Gärten hegen und Pflegen sollte. Daß sie nicht giftig ist, wußten schon die Alten.“ hat noch immer Bestand und ist fast nichts hinzuzufügen, außer: Die Blindschleiche gilt in den meisten Gebieten Österreichs als nicht unmittelbar gefährdet; sie ist aber wie alle heimischen Reptilienarten „besonders geschützt“ und vom fortschreitenden Verlust ihres Lebensraums bedroht.

Literaturquelle:
BREHM, A. (1927): Brehms Tierleben – Kriechtiere. Band 21: Reptilien I: Schildkröten – Panzerechsen – Schuppenechsen; Gutenberg-Verlag, Kapitel 5.
GLANDT, D. (2015): Die Amphibien und Reptilien Europas: Alle Arten im Porträt. 2. Auflage. Wiebelsheim: Quelle & Meyer. 550 S.

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