Steckbrief – Mispel (Mespilus germanica):

Sag´ns bitte Hespel zu mir…

…und nicht Hundsarsch. Denn diese wenig schmeichelhafte Bezeichnung gehört genauso wie Drecksäcke oder Sperbl zu den Wortneuschöpfungen der jüngeren Vergangenheit. Die restliche Fülle an Regionalnamen, wie Hespel, Asperl oder Nesperl, gruppieren sich um das lateinische Original, Mespilus. So wurde nämlich der Mispelstrauch von den Römern genannt. Der Name ist aus dem Griechischen entlehnt, wo der Strauch mespilon und die Frucht mespile heißt. Sie wurde unter anderen von Theophrastos (371–287 v. Chr.) und Dioscurides (1. Jh. n. Chr.) erwähnt. Der Ausdruck ist jedoch in beiden antiken Sprachen ein Fremdwort unbekannter Herkunft, dadurch wird auch die lange Nutzungsgeschichte dieser Pflanze deutlich.
Der Artnamen germanica dürfte auf den Irrtum zurückgehen, dass die Mispel eine in Deutschland heimische Art sei, da sie dort schon lange bekannt war, als der Vater unserer Pflanzensystematik, Carl von Linné, sie benannte.
Allgemein betrachtet gehört die Echte Mispel zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae) und kommt in lichten Laubmischwäldern, Hecken, Gebüschen und sogar auf Felshängen vor. Sie stellt nur geringe Standortansprüche, bevorzugt aber mäßig trockene, steinige oder sandig-lehmige, kalkhaltige Böden. Die Echte Mispel ist ursprünglich eine südosteuropäische-westasiatische Art, die seit der Römerzeit in Österreich eingeführt und im Mittelalter und auch in den Klostergärten als ein geschätztes Obst angebaut und kultiviert wurde. Das wärmeliebende Gehölz ist vor allem in klimatisch begünstigten Gebieten zu finden und wächst halbwild oder verwildert. Die Echte Mispel ist ein langsam, breit und sparrig wachsender, tiefwurzelnder Großstrauch, der 3-6 m hoch werden kann. Die Zweige sind graufilzig und dornig, Kulturformen hingegen sind dornenlos.
Lange Zeit galt die Mispel auch als alleinstehende Art und war somit ohne nähere Verwandtschaft. In der 1970er Jahren wurde dann aber eine neue Art in Nordamerika entdeckt. Moderne Systematiker verzichten sogar ganz auf die Gattung Mespilus und stellen unsere Hespel zu den Weißdornen (auch Linné zögerte kurz ob die Mispel ein Weißdorn sei) und betrachten die amerikanische Mispel-Art als einen Bastard zwischen unserer Mispel und einer nordamerikanischen Weißdornart.
Das Märchen vom Frost
Es gibt kaum eine neuere Publikation oder Webseite, in der auf die Halbwahrheit verzichtet wird, die Mispel müsste vor dem Verzehr vom Frost getroffen worden sein. Vertreter dieser ,Frost-Schule‘ legen die erntereifen, aber noch nicht teigig gewordenen Mispelfrüchte sicherheitshalber in die Tiefkühltruhe, bevor sie die Früchte verkochen. Physikalisch betrachtet, passiert da auch einiges, ein Hespel-Sommelier wendet sich aber mit Grauen. Schon die Pomologen des 19. Jahrhunderts haben den feinen Unterschied zwischen „Pflückreife“ und „Genussreife“ herausgearbeitet und uns mit den passenden Begriffen versorgt. Die Zeit dazwischen nannten sie Lagerzeit und in der passiert so gut wie alles, was das Reifearoma betrifft. Die gute, reifefördernde Lagerung war und ist der Schlüssel zum vollendeten Obstaroma, sei es nun bei den Äpfeln, den Birnen und auch bei den Hespeln. Das Reifen ist ein hochkomplexer Vorgang, der verbreitungsevolutionäre Gründe hat. Aus einer unattraktiven, geruchsarmen und festfleischigen Frucht, wird unter dem entsprechenden Milieu ein aromaintensives, wohlschmeckendes Lockangebot für obsthungrige Wirbeltiere. Um genau zu sein waren es die Nasentiere, auf die die evolutionären Prozesse abzielten. Mit der Entwicklung der Aromabombe Obst kamen wir Säugetiere ins Spiel, die riechschwachen Vögel mussten auf ein begleitendes Farbenspiel hoffen. Da der erste Frost ein zeitlich sehr unsicherer Zeitpunkt mit großer räumlicher Unterschiedlichkeit ist, ist er im evolutionären Konzept höchstens als Notlösung vorgesehen, die Tiefkühltruhe jedenfalls gar nicht.
Unter den mitteleuropäischen Bedingungen reicht die Jahreswärmesumme meist nicht aus, um ein Ausreifen am Baum zu erreichen. Ein vollständiges Ausreifen der gesamten Jahresernte ist unter unseren Klimabedingungen ausgeschlossen. Eine der Ursachen liegt in der sehr späten Blütezeit des Mispelbaumes, die sich kaum verfrühen lässt. Die Konsequenz, die man in Mitteleuropa daraus gezogen hat war aber nicht die Notreife mit dem ersten Frost, sondern die Nachreife durch gute Lagerung. Die Reife auf Stroh war die populärste Form der Lagerung, daneben war auch das Einlagern in Kleie sehr beliebt.
Wegen ihrer komplizierten Verwertung (falls man Warten für kompliziert hält) hat sie nie den obstbaulichen Stellenwert erhalten, der ihr auf Grund der Inhaltsstoffe und des Geschmackes zukommen könnte. Lediglich in Bulgarien, Russland und im Kaukasusgebiet gibt es Mispel-Intensivobstbau, daneben kleiner Anbaugebiete in England, den Niederlanden und Italien. Ganz im Gegenteil dazu wurde die Mispel im Mittelalter sehr wohl in Deutschland und Österreich verbreitet angebaut. Später wurde sie aber von Apfel und Birne verdrängt. Heute wird sie nur noch als Ziergehölz vor allem wegen ihrer großen Blüten und schönen Belaubung angepflanzt. Das sehr zähe und feste Holz wurde für Drechslerarbeiten verwendet und eignet sich auch gut zur Holzkohlenbereitung.
Mit mir gibt es vor niemandem Furcht
Das lassen sich manche Basken auf ihre traditionellen Mispelstöcke einprägen. Und furchteinflößend sind diese Schlag-, Stich- und Wanderstöcke allemal. Diese martialischen Allzweckstöcke, von den Basken „Makhila“ genannt, werden aufwändig gefertigt und mit einigen wichtigen Details ausgestattet. So besitzen sie einen Griffknauf, eine darin verborgene Kurzklinge, ein mit Lederstreifen umflochtenes Griffstück und eine metallene Stockspitze mit Gravuren.
Für das Tierreich bietet die Echte Mispel eine Schmetterlingsfutterpflanze sowie ein Vogelschutz- und Nährgehölz. Sie dient auch zahlreichen Säugetierarten wie Eichhörnchen, Siebenschläfer, Igel, Reh, Marder, Dachs und Wildschwein als Nahrungsquelle. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die jahrtausendalte Kulturpflanze durch attraktivere Obstarten verdrängt und geriet in Vergessenheit. Sie wird aber zum Teil noch in Hecken und Eingrünungen von Siedlungen im ländlichen Raum verwendet. Aus der Mispel können Marmelade, Kompott, Wein und Obstbrand hergestellt werden.
Steinlöser und Darmstopfer
Die Wirkung wird als adstringierend und harntreibend beschrieben. Hildegard von Bingen schrieb: „Die Frucht dieses Baumes ist gut für gesunde und kranke Menschen, nützlich und gut, weil sie das Fleisch wachsen lässt und das Blut reinigt.“ Die Mispel soll bei Arteriosklerose und Verdauungsstörungen helfen und gegen Entzündungen im Darm (z.B. bei Morbus Crohn) wirksam sein. Die unreifen und noch herben Mispeln gelten als eines der stärksten Stopfmittel im Pflanzenreich. Was bei uns in Renaissance und Barock in der Volksheilkunde noch bekannt war, ist heute nur noch in den ursprünglichen Herkunftsgebieten gängige Praxis. So sieht die Liste der mit Hespeln behandelbaren Krankheiten in der Nordtürkei folgendermaßen aus: Mund- und Rachen-Infektionen, empfindliche, dünne Haut (gekochter Mistelsaft), Durchfall (Mispel-Sirup), Darminfektionen, Ruhr & Cholara (Unterstützung der Behandlung), Darmparasiten (auch als Prophylaxe), schmerzhafte Blähungen, Hämorrhoiden, innere Blutungen, Menstruationsstörungen, Blutarmut, Müdigkeit, Harnsteinen und Nierensteinen.

Literaturquellen:
• AMT DER NIEDERÖSTERREICHISCHEN LANDESREGIERUNG (HRSG.), (2013): Die Asperl – Mespilus germanica L. – PUBLIKATIONEN Verein Regionale Gehölzvermehrung. St. Pölten, 43 S.
• www.lfl.bayern.de

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